Solidarität mit Inge H. – offener Brief von Wiersbin

Quelle: Armutsnetzwerk e.V.

Bild: Armutsnetzwerk e.V.

Heute gehe ich mal „fremd“ und verlinke hier einen Artikel von Norbert Wiersbin. Wiersbin war u.a. selbst als Fallmanager und Personalratsvorsitzender eines kommunalen Jobcenters tätig. Aus ethischen und Gewissensgründen beendete er seine über 30-jährige Tätigkeit in der Arbeitsmarktpolitik. Seine Erfahrungen und Ansichten stellt er in einem offenen Brief deutlich dar:

Auszüge:

(…) Sie dürfen also davon ausgehen, dass sich hier ein Bürger an Sie wendet, der über fundierte Kenntnisse des Systems verfügt, der die Entwicklungen der letzten Dekaden intensiv und aktiv begleitet hat und der in der Lage ist, diese zu analysieren und auch darzustellen. (…)

(…) Ich bin kein Verwaltungsmensch, ich bin Geisteswissenschaftler und daher mag auch mein Blick auf die Realitäten ein anderer sein, als Ihrer. (…)

(…) Wer nicht bereit ist, aus falsch verstandener Loyalität gegenüber einem diffusen „Dienstherrn“, aus egoistischen Motiven oder aus ganz profaner Ignoranz heraus, weg zu schauen, dem muss es sich unmittelbar erschließen, dass in diesem System vieles, wenn nicht fast alles falsch läuft. Sie, verehrte Kolleginnen und Kollegen, werden es auch registriert haben, dass die Unzufriedenheit mit Ihrer Tätigkeit Jahr für Jahr gewachsen ist. Untersuchungen der Krankenkassen weisen seit Jahren exorbitante Krankenstände bei den JC – Mitarbeitern aus, überwiegend sind es psychische Schäden, die sie aus den Socken hauen. Da ist zum einen die unerträgliche Verdichtung der Arbeit, die ausufernde Konzentration auf die Verwaltung des Elends und die offensichtliche Erfolglosigkeit jeden Versuches, Erwerbslose wieder in den „Markt“ zu integrieren. Viel gravierender ist jedoch das wachsende Bewusstsein dafür, als mieser Handlanger missbraucht zu werden, um Menschen zu unterdrücken und sie ihrer Grundrechte zu berauben. Es werden immer mehr, die insgeheim verstanden haben, dass es so nicht weiter geht, dass wir nicht jede Moral und alle Ethik über Bord werfen können, um dem Mammon zu frönen. (…)

Der ganze Brief

 



Kategorien:Bundesagentur für Arbeit, Jobcenter

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10 replies

  1. Offener Brief an die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg.

    Unser Soziales Netzwerk „Bürgergemeinschaft gegen Sozialabbau“ http://buergerforum.siteboard.org/ solidarisiert sich mit der Jobcenter- Mitarbeiterin Inge Hannemann.

    Unser Soziales Netzwerk erlebt jeden Tag hautnah das Leid der Betroffenen, wenn sie sanktioniert werden oder die Bescheide falsch berechnet wurden.

    Da kommt nun endlich eine Frau wie Inge Hannemann und spricht offen ihre Kritik aus. Ganz offen spricht sie sich gegen Sanktionen aus. Sie liebt ihren Beruf, weil sie dort helfen kann.

    Anstatt über die berechtigte Kritik nachzudenken, werden dieser Frau Steine in den Weg gelegt. Unser Soziales Netzwerk „Bürgergemeinschaft gegen Sozialabbau“ sagt, dieses Land braucht mehr solche Leute wie Frau Inge Hannemann.

    Mit freundlichen Grüßen
    Soziales Netzwerk „Bürgergemeinschaft gegen Sozialabbau“
    i.A. Birgit Kühr
    birgit-kuehr@online.de

  2. Hallo Frau Inge Hannemann,
    respekt für Ihr Engagement innerhalb eines Jobcenters.

    Sie haben meine vollste Zustimmung, da ich hier in der Stadt Bad Doberan und in der Hansestadt Rostock,Mecklenburg-Vorpommern ebenfalls seit 8 Jahren gegen Hartz IV und Sanktionen so ziemlich allein „unterwegs“ bin.
    Mit einigen engen Vertrauten haben wir bereits kleine Aktionen gestartet, wie GG und Rosen vor dem Jobcenter Rostock verteilt.
    Auch mehere Schreiben an die Geschäftsführung der jeweiligen Jobcender Bad Doberan und der Hansestadt Rostock, mit dem Hinweis doch die Sanktionen auszusetzen bzw. nicht anzuwenden, stießen auf taube Ohren.
    Im Gegenteil mit Schreiben wurde ich persönlich durch die Geschäftsführung des Jobcenter Bad Doberan aufgefordert, doch die Mitarbeiter des Jobcenter nicht zu unrechtmäßigem Handels aufzufordern(?).

    Unser Projekt“Gegenwehr“ (http://wirhelfengern.beepworld.de/index.htm) hat an alle verantwortlichen im Landkreis Rostock einen Vorschlag „Moratorioum“ gestartet, aber bisher ohne Erfolg.

    Mit freundlichen Grüßen
    Rolf Tornow

  3. Wir erklären uns solidarisch – und versuchen durch Verbreitung hilfreich zu sein.
    Wir wünschen dir Kraft und Achtsamkeit – und lass‘ dich nicht von Pseudolinken
    vor deren Karren spannen – nicht einmal von OLaf, dem Saarkönig, selber.

  4. Die Liste der Beschwerde läßt sich sicherlich ausweiten. Nur wo ist die Solidarität, die Hartzer verbinden kann? Selbst in Foren wird sich angestänkert und bietet daher keine Chance der Verbindung, um gemeinschaftlich eine Wende herbei zu führen.

    Der Rest der Erwerbstätigen, selbst die Niedriglöhner, steht weiterhin auf dem Standpunkt, Hauptsache Arbeit, egal wie wenig. Weil Status scheinbar alles ist in diesem Land.

    Ich befürchte, eine Trendwende wird sich nicht einstellen, da die Macht der Politiker, Medien und Konzenchefs, der Interessenverbände der Wirtschaft das Land fest im Griff haben. Das sogenannte Aufwachen wird nicht stattfinden, wohl erst, wenn es zunehmende Obdachlosigkeit und Abbau der sozialen Sicherungssysteme geben wird. Aber selbst dann befürchte ich, das immer noch genügend Bürger sich sagen, „da müssen wir ( TM) durch“. Der totale Selbstbetrug und das eigene Versagen in Person. Dieses Land ist moralisch ganz ehrlich im *rsch. Verroht und verdorben in allen Punkten.

  5. Pseudonym: Wäre es nicht an der Zeit, aus den gemachten Fehlern der Vorgägergesellschaftssysteme zu lernen und an die Stelle von Bestrafen ein Zusammenkommen und gemeinsames Suchen nach anderen Möglichkeiten zu beginnen? Ich denke schon!

    Norbert Höfs, Sie meinen ERWERBSarbeit, nicht Tätigsein, wenn Sîe das Wort „Arbeit“ schreiben – es werden wie viele tausend Stunden mehr ehrenamtlich geackert, als erwerbstätig?
    Arbeitslosigkeit heißt ja also in sehr vielen Fällen Einkommenslosigkeit, trotz Vollbeschäftigung…
    „Was würden sie arbeiten, wenn für Ihr Einkommen gesorgt wäre?“

  6. Klar, solche SB(innen) haben schon einen Seltenheitswert und verdienen daher die Solidarität. Doch Eines muss gesagt werden: Naiv ist Frau Hannemann aber auch, wenn sie meint, sie könne ohne Konsequenzen gegen die Interessen ihres Brotgebers öffentlich auftreten und diese quasi bloß zu stellen – es gibt ja auch so ein Sprichwort: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“.
    Die meisten Querulanten, Auffwiegler, Nörgler, Verleumder, Besserwisser, Verschwörungstheoretiker, Missionare unliebsamer Lehren, Weltverbesserer jeglicher Art und Richtung u. dgl. konnten sich davon in der gesamten menschlichen Geschichte schon immer schmerzhaft überzeugen: Jesus landete auf dem Kreuz, Giordano Bruno im Flammen…, Mollath in der geschlossenen Psychiatrie…
    Frau Hannemann hat also Ärger mit ihrem Arbeitgeber bekommen. Warum hat sie nicht unter einem Pseudonym publiziert? Es ist mit Sicherheit weder Schande, noch illegal, sich einen Pseudonym zuzulegen – Paulus, El Greco, Le Corbusier, Lenin, Stalin, und meinetwegen auch Willi Brandt, um nur eiige zu nennen – das alles sind auch Pseudonyme, man ist also in einer guten Gesellschaft.

  7. Dieses System funktioniert aber auch nur so lange sich Mitarbeiter, in den Jobcentern, bereit erklären und dies bei vollem Bewusstsein ihrer Handlungen, die Menschen mit Hilfe von Sanktionen, sprich Hunger und Not, zu unterdrücken. Wer dieses Spiel mitmacht, macht sich auch schuldig, ohne Wenn und Aber. Die Bundesregierung wird in Kürze mit aller Macht, das bestehende Sozialsystem auf das Niveau der USA bringen wollen. Nach 2 Jahren ist dann Schluss mit lustig, leidtragende werden dann, zu allererst die jetzigen Hartz4 Empfänger sein, die alle Mittel schon aufgebraucht haben und auf der der Straße landen. Aus eigener Erfahrung kann man aber auch sagen, dass es in den Jobcentern viele Hannemanns‘ gibt, die aber eher stille kleine Heldinnen und Helden sind, auch diesen gilt hier einmal der Dank.
    Wirksam kann man die Arbeitslosigkeit nur dann bekämpfen, wenn diejenigen, die Arbeit haben, bereit sind, etwas von ihrer Arbeit abzugeben – auch die dazugehörigen Einkünfte.

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