Offener Brief an Eberhard Einsiedler – „Perspektive Qualität“ – Bundesagentur für Arbeit

Lettre ouverte à Eberhard Einsiedler

Eine Antwort liegt bisher nicht vor – 17. Januar 2013 /20.Februar 2013/30.März 2013/30.April 2013/21.Mai 2013

Inge Hannemann

via

Jobcenter Hamburg-Altona U25

Kieler Straße 39

22769 Hamburg                                                                                             15. Dezember 2012

Vorsitzender des

Hauptpersonalrates

Eberhard Einsiedler

Bundesagentur für Arbeit

Regensburger Straße 104

90478 Nürnberg

-via Email-

Ihr Diskussionspapier „Perspektive Qualität“ vom Oktober 2012 [1]

Sehr geehrter Herr Einsiedler

Als Arbeitsvermittlerin im Jobcenter Hamburg-xxxxx U25 habe ich mit Freude und Erstaunen Ihr Papier gelesen. Sie erlauben mir bitte ein paar Anmerkungen dazu, auch wenn Sie über Arbeitslose nach SGB III schreiben.

Zunächst finde ich Ihre Worte sehr mutig, haben Sie doch zum Teil so Recht! Unsere Arbeit, als Arbeitsvermittlung aber auch als Dienstleister an den Menschen, ist es unsere / meine Aufgabe im Sinne der Ratsuchenden zu agieren. Dieses gilt sowohl für den Leistungsempfänger als auch für ratsuchende Arbeitgeber. Beide Seiten haben das Recht entsprechend ihren Vorstellungen kompetent, fair und sachlich beraten zu werden. Sie fordern Unterstützung durch eine behördliche Bundesinstitution.

Mit der Einführung der Geringfügigkeitsgrenze von 390 DM zum 1. Januar 1982 ist ein kontinuierlicher Anstieg der sog. heutigen Mini-Jobs zu beobachten.[2] Ebenso der Anstieg, wie von Ihnen beschrieben, der befristeten Arbeitsverhältnisse (wobei sich auch die BA dieser Art von Beschäftigung mal mehr oder weniger bedient). Unternehmen können mit befristeten Arbeitsplätzen und geringfügiger Beschäftigung Engpässe vermeiden. Mag sich dieses für die Unternehmen positiv auswirken, bedeutet dieses für die Arbeit suchenden ein Wegfall regulärer Arbeitsplätze und bei Annahme eines Mini-Jobs aufstockendes Arbeitslosengeld II. Eine Abkehr aus dem Bezug des Arbeitslosengeldes II und somit aus der Abhängigkeit eines Jobcenters ist damit ausgeschlossen.

Sie fragen: „Sind wir Teil des Problems?“ 

Ja, wir sind ein Teil des Problems. Und damit, meine ich, die Struktur der BA als auch die Arbeitsvermittlung in ihrer gesamten Funktion und deren Umsetzung. Unsere Aufgabe besteht darin, die Leistungsempfänger in eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit zu vermitteln. Als Hilfsinstrumente stehen uns das Profiling und die entsprechende Matching-Strategie zur Verfügung. Ebenso stehen uns aber auch die Macht der Sanktionen und der Eingliederungsvereinbarung zur Seite. Das primäre Ziel ist die Konsolidierung von Vermittlungsvorschlägen über BA / JC integriert. Unabhängig davon, ob der Vermittlungsvorschlag durch eine private Arbeitsvermittlung, Zeit-, Leiharbeit oder regulär durch ein Unternehmen von statten geht. Der Blick in die Jobbörse, insbesondere des gewerblichen Bereichs und Helfertätigkeiten gibt mehrheitlich Zeitarbeit frei. Die Aufstockung der Teams „AGS-Zeitarbeit“ und die damit verbundene Steigerung von Fallzahlen in den Agenturen für Arbeit macht deutlich, wo die Prämisse der Bundesagentur für Arbeit derzeit liegt.

Wie Sie richtig feststellen, sind über ein Drittel der Leiharbeiter Aufstocker oder innerhalb kürzester Zeit erneut volle Bittsteller in den Jobcentern. Durch die oftmals nicht erreichbaren 12 Monate einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit, bleiben sie Leistungsempfänger nach SGB II den Jobcentern erhalten. So konstruieren wir Monat für Monat kurzfristige positive Veränderungen der Arbeitslosenzahlen. Diese kommen jedoch als Bumerang ein paar Wochen oder Monate verzögert zurück.

Das Ergebnis sind zumeist unzufriedene „Kunden“. Demotivation, Hoffnungslosigkeit und Wut spiegeln sich in den Gesprächen mit der Arbeitsvermittlung wider. Geschweige des niedrigen Lohns, von dem eine Familie bei weitem nicht ernährt werden kann. Auch wenn Zeitarbeit durchaus ein Sprungbrett für eine Festeinstellung sein kann, ist diese Chance doch sehr gering.

Weiterhin schreiben Sie: „Wir sind nicht nur für den Markt da, wir sind auch in erster Linie für die Menschen da, um ihnen in den riskanten Übergangsphasen ihres Erwerbslebens mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und um sie zu unterstützen, Risiken zu bewältigen und Chancen zu ergreifen.“ 

Ist auf der einen Seite der Markt für die Arbeitgeber als „Kunden“ da, so stehen auf der anderen Seite unsere Arbeitslosen, Arbeitssuchenden, Ratsuchenden sowie die jungen Erwachsenen ohne Ausbildung als „Kunden“. Beiden Seiten muss die BA gerecht werden. Und beide Seiten haben ihre Vorstellungen und Wünsche. Geprägt durch Existenzängste auf Unternehmerseite und den Leistungsempfängern. Gefordert und erwartet wird, auch wenn ohne HEGA, eine exekutive und legislative Ausübung unserer Tätigkeit – entsprechend des SGB II und der EgV. Ein Kontrollzwang und der damit verbundene Kontrolldruck, schlägt sich in der Anzahl von Sanktionen nieder. Noch nie war die Summe der Sanktionen, seit Einführung der Arbeitsmarktreform so hoch.[3] Für die Leistungsempfänger bedeutet dieses noch weniger Geld und ein Leben unter dem Existenzminimum. Eine häufige Folge daraus: Sie kommen, auch wegen fehlender Möglichkeit eine Fahrkarte für die öffentlichen Verkehrsmittel zu bezahlen, nicht zu den Terminen. Sie geben auf, sind wütend auf das Jobcenter und deren Mitarbeiter und boykottieren im Gesamten die Mitarbeit. Eine Spirale und somit ein Teufelskreis entstehen. Ich spreche hier nicht von Kunden, welche von vornherein die Mitarbeit verweigern.

Die Unternehmen erwarten die „perfekten“ Bewerber. Vielleicht mögen diese noch im SGB III zu finden sein. Im SGB II haben wir Menschen mit Lebensläufen, die nicht mehr der geforderten übersteigerten Norm entsprechen. Menschen, mit einem Stigmatisierungsstempel: Faul, zu lange aus dem Arbeitsmarkt heraus, Fernsehgucker, Biertrinker usw. Die derzeitige mediale Präsenz um das Thema Hartz IV verstärkt dieses Bild.

Was kann getan werden? Ihre Vorschläge aufgreifend, möchte ich noch ein paar abschließende Bemerkungen machen. War zu Beginn der Einführung von Jobcentern im Jahr 2005 noch motiviertes Personal zu erkennen, hat dieses extrem nachgelassen. Lag der Fokus zu Beginn auf die persönliche und personenorientierte Beratung von Arbeitslosen, liegt der Fokus inzwischen im Erfüllen von Zahlen (Absolventenmanagement, EgV-Quote, Besetzung der Ein-Euro-Jobs, Beratungsvermerke). Kommt mir doch immer wieder der Spruch entgegen: „Nur ein Arbeitsvermittler der sanktioniert, ist ein guter Arbeitsvermittler“ – Aussagen von Teamleitern. „Wer nicht spurt (Kunden) wird sanktioniert.“ „Dann sehen sie, was sie davon haben.“

Aussagen, die mich erschrecken. Ganzheitliche Arbeit, Beratung mit den „Kunden“ ist kaum mehr erkennbar. Das Evaluieren von Lebensläufen – Fehlanzeige. Mag es teilweise im Fallmanagement noch so sein, sank dieses in der Arbeitsvermittlung um ein Vielfaches.

Die Arbeit am und mit den Menschen, auch mit außergewöhnlichen oder ungewohnten Wegen, ist nicht gewollt. Die direkte Vermittlung durch den Arbeitsvermittler in ein Arbeitsverhältnis – nicht gewollt. Stattdessen der Umweg über den AGS. Über Mitarbeiter, die meine Bewerber nicht kennen.

Vermittlungsvorschläge anhand der Matching-Strategie, die der „Kunde“ evtl. aktuell nicht erfüllt. So kann eine Vermittlung in den seltensten Fällen erfolgreich sein. Eine Vermittlung wird / kann zum Erfolg führen, wenn der „Kunde“ „an die Hand“ genommen wird. Wenn der Vermittler für den „Kunden“ beim Arbeitgeber spricht. Wenn der Vermittler mit dem „Kunden“ auch kurzfristig Bewerbungen schreibt, Vorstellungsgespräche übt und ihn für den aktuellen Arbeitsmarkt und deren Anforderungen gebrieft hat. Selbstverständlich leisten die Bildungsträger zum Teil diese sinnvolle Arbeit. Allerdings wird mit dem Wissen von Bewerbungsnormen nicht die Angst vor der eigentlichen Bewerbung genommen. Es ist zumeist nicht das fehlende Können. Es ist die Angst, das Ungewohnte und die zum Teil vorhandene Strukturlosigkeit des Bewerbers auf das Neue.

Aber es ist immer einfacher Dienst nach Vorschrift zu machen und die 30 Minuten Beratungsgespräch auf die EgV und das Einfordern von Eigenbemühungen zu verlagern.

Bemühungen meiner Person auf Kurzschulungen in Kommunikation meiner Kollegen, Auswirkungen durch den Bezug von Hartz IV sowie neue Wege zu gehen, werden durch Standortleitung, Zentrale boykottiert. Ist die Boykottierung eine Sache, stelle ich leider auch fest, dass Kollegen ebenso wenig daran interessiert sind, ihre Arbeits- und Sichtweise zu ändern. Lieber wird mit Drohungen, Schmierereien an den Wänden durch die Kunden gelebt und entsprechende Hausverbote erteilt. Und hier stimmt es nicht mehr im System.

Und das System kommt von oben und wird nach unten herunter gebrochen. Und ich bin froh, dass ich noch soviel Idealismus besitze, dass ich für meine „Kunden“ in das Jobcenter gehe, um zumindest stückweise Menschlichkeit und Verständnis einzubringen. Meine „Kunden“ danken mir dieses mit der Wahrnehmung ihrer Termine, netten Emails oder Anrufen sowie ehrliches Bemühen um eine Tätigkeit. Ein Lachen und ein Kommen ohne Angst kommen hinzu. Und das ist für mich ganzheitliches Arbeiten – im Sinne einer Dienstleistung und eines verbindlichen Leitbildes.

In diesem Sinne ende ich mit Ihren Worten: „Dafür müssen wir eingefahrene Wege verlassen. Wir sind dabei.“ 

Und wünsche Ihnen viel Erfolg! Möge Ihr Papier gewinnbringend, vor allem für unsere „Kunden“, diskutiert werden.

Mit freundlichem Gruss 

Inge Hannemann
– Arbeitsvermittlung U25 –
 
Standort Altona
Kieler Strasse 39
22769 Hamburg
tel      040. 380 14.141
fax     040. 380 14.454
E-Mail: inge.hannemann@jobcenter-ge.de
 

Anlage

Meine Aufgabe als Mitarbeiterin eines Jobcenters ist es, auf Augenhöhe den Arbeitssuchenden kompetent zu beraten. Nicht immer ist dieses der Fall. Von daher wünsche und fordere ich:

  • Eine wertschätzende Kommunikation mit den Arbeitssuchenden.
  • Eine Kommunikation unabhängig des Geschlechts, des Alters, der Bildung, des Lebensweges, der Religion, der Rasse, der begleitenden Erkrankungen, politischen Einstellung mit den Arbeitssuchenden.
  • Eine Kommunikation mit den Arbeitssuchenden – unabhängig eines Zeitfensters.
  • Eine Kommunikation auf Augenhöhe mit den Arbeitssuchenden.
  • Eine Kommunikation mit gegenseitigem Respekt.
  • Eine Kommunikation mit den Arbeitssuchenden, in der beiderseits konstruktive und offene Kritik zugelassen wird – ohne Druck einer drohenden Sanktion für den Arbeitssuchenden.
  • Pflichtseminare für Mitarbeiter der Jobcenter in Gesprächsführung, konstruktive Kommunikation, flankierende Leistungen und Casemanagement und deren erfolgreiche Umsetzung.
  • Eine Kommunikation und Atmosphäre für den Arbeitssuchenden und Mitarbeiter ohne Angst.
  • Mitarbeiter, die in ihrer Persönlichkeit gefestigt sind.
  • Mitarbeiter, die eine reife Persönlichkeit gepaart mit Lebenserfahrungen sind.
  • Mitarbeiter, die bereit sind persönliche Schicksale im Sinne des Arbeitssuchenden zu evaluieren.
  • Mitarbeiter, die offen für Veränderungen sind.
  • Mitarbeiter mit dem Blick für den Arbeitssuchenden.
  • Regelmäßige Supervision der Mitarbeiter.
  • Wertschätzung gegenüber Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch den Arbeitgeber.
  • Gesundheitsbewusste Führungskultur, ohne Einschüchterung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
  • Offene, transparente interne und externe Kommunikation.


Kategorien:Arbeitsmarktpolitik, Bundesagentur für Arbeit

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5 replies

  1. Und der Kontext?
    Meine persönliche Erfahrung als Lehrer und Bildungsbegleiter bei zwei Bildungsträgern, die finanziert vom zuständigen Jobcenter bzw. Agentur für Arbeit „Maßnahmen“ für junge Erwachsene bis 25 durchführen, darunter die bundesweit agierende FAA, ist auf den Punkt gebracht:
    Wenn als Ziel weiß beschrieben ist, dann ist real schwarz gemeint. Das haben die Bildungsträger-MitarbeiterInnen zu adaptieren, oder werden, wie in meinem Fall zwei mal hintereinander, fristlos gekündigt.
    Siehe mein Beitrag im Web „Die Zukunftstöter aus der Bildungsindustrie“.
    Das bedeutet u.a.: Solche Texte sind aus dem konkreten Kontext zu verstehen und zu interpretieren. Der Kern: Was ist das reale Ziel der Autoren? HIer: Präkarisierung, Ausgrenzung über Mittel der strukturellen Gewalt gegenüber jungen Erwachsenen. Die in extrem vielen Fällen zu „Maßnahmenkarrieren“ genötigt werden, also z.B. mit 17 rein und mit dem 25. Lebensjahr raus. Was auch bedeutet: Das hat System, ist organisiert. Und das Ziel? Ausgehend von der – falschen – These, dass der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgehe, wurden in den vergangenen Jahren bereits und sollen weiter hunderttausende junge Erwachsene über diese strukturelle Gewalt genötigt werden, in Ruhe mit einem Leben in Hartz IV bis zum Tod zufrieden zu sein. Das sind die jungen Erwachsenen, die uns schon seit Jahren real zur Besetzung von Lehrstellen fehlen. Und auch für gehobene Positionen. Damit fallen deren Sozialabgaben aus etc. – eine auch ökonomische Schraube nach unten. Warum? Aus ideologischer neoliberaler Verblendung. Und – fast – alle machen mit. Sägen damit den Ast ab, auf dem sie selbst sitzen. Kommt das nicht – aus der deutschen Geschichte analog – bekannt vor?

  2. Personaler haben durch die befristeten Arbeitsverhältnisse auch eine Menge mehr zu tun. Das merkt man besonders dann, wenn es 1 Monat, oder mehr dauert, bis es mit der Bewerbung voran geht. Zum Teil sind sie dann auch überfordert. Als Bewerber nervt mich das extrem, denn ich sehe, dass sich die Personaler nicht gründlich mit dem Bewerber auseinander setzen können.
    Man hört dann von Deadlines, bis dahin soll eine gewisse Anzahl an geeigneten Bewerber für den weiteren Prozess ausgesucht werden. Hat man den Stapel der Bewerber nicht geschafft, landet diese im Müll.
    Man sagt das nicht schriftlich, aber meist mündlich auf Veranstaltungen und Begegnungen: Man soll sich dann einfach noch mal bewerben….

  3. Richtig Norbert!

    Ist jetzt alles in nette Wort verpackt aber wirklich kritisieren tut sie da nicht!!

  4. (…)“ Ebenso stehen uns aber auch die Macht der Sanktionen und der Eingliederungsvereinbarung zur Seite.“
    Was für eine Macht, über Leben und Tod zu entscheiden? Bedeutet Sanktion nicht auch Obdachlosigkeit und Hunger und somit den Menschen wissentlich einer Gefahr auszusetzen? Am Ende dieser Macht stehen immer weitere Schulden, der Strom wird abgestellt, die Miete nicht gezahlt und der verhängnisvolle Kreislauf beginnt. Am Ende stehen soziale Verwahrlosung, Hoffnungslosigkeit, Depressionen und Armut. Sanktionen, dürfen niemals Macht sein, frei nach dem Motto gebt mir macht und ich werde Sie Euch zeigen.Wer so denkt und handelt verstößt wissentlich und vorsätzlich gegen die elementaren Menschenrechte.
    Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen.

    • Tja, dann ganz hinten an steht dann auch ein gewisser Anstieg an Kriminalität. Denn wenn der Magen knurrt und die Betreffenden immer wieder so schicke Karren vorbeiflitzen sehen oder gut besetzte Nobelkneipen, dann geht es bei so manchem …durch!

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