Perspektive Qualität – ein Diskussionspapier zieht Kreise

Das weltweite Netz hat es ausgespuckt – Perspektive Qualität – ein schonungsloses Diskussionspapier durch den Vorsitzenden des Hauptpersonalrates Eberhard Einsiedler der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg. 19 Seiten vollgepackt mit klaren Äußerungen zum Wandel der Welt in Bezug auf die Arbeitswelt und den Beitrag oder besser Schuld durch die BA. Offene Gedanken und Fragen eines Einzelnen im Konstrukt der mächtigsten Arbeitsbehörde in Deutschland.

Einsiedler spricht von Sorge um die Entwicklung des Arbeitsmarktes in den letzten zehn Jahren. Jede zweite Neueinstellung sei befristet. 60 Prozent der Arbeitnehmer seien in einem „Normalarbeitsverhältnis“ tätig. Die übrigen in Teilzeit, Leiharbeit oder Mini-Jobs. Seine Behörde umschreibt er als eine der wesentlichen Säulen der sozialen Sicherung unseres Landes. Und er fragt, ob genau seine Behörde ein Teil des Problems sei und kommt auf das Ergebnis, dass eine selbstkritische Betrachtung notwendig ist.

Masse statt Klasse 

So schicken die Agenturen für Arbeit rund 19 Millionen Vermittlungsvorschläge an die Leistungsempfänger. Eine Steigerung um das Zweieinhalbfache im Vergleich zu den Jahren 2007 bis 2011. Erfolgreich davon sind jedoch nur 2,1 Prozent (2011). Tendenz fallend. Die Mehrheit der Vermittlungsangebote beinhalten Stellen für die Leiharbeit. Hier hat sich die Zahl verdreifacht und zeigt damit eine Steigerung von rund 276 Prozent. So erwirtschaften einzelne Agenturen bis zu 70 Prozent ihrer Erfolge über Leiharbeit.

Insbesondere im Helfer- und gewerblichen Bereich sind in der Jobbörse der Agentur für Arbeit mehrheitlich Zeit- und Leiharbeitsfirmen zu finden. Eine Aufstockung der Zeitarbeit-Teams in den Agenturen erfolgte in den Jahren 2011 und 2012. Die zu erfüllenden Vermittlungsquoten durch die Mitarbeiter steigt Jahr um Jahr. Und somit die Flut von Bittmails durch den Arbeitgeberservice (AGS) an die Arbeitsvermittler. Ebenso die Forderungen der Zeitarbeitsfirmen mehr Bewerber zu schicken.  Und damit auch die Forderung den Bewerbern Vermittlungsvorschläge mit Rechtsfolgebelehrungen zu senden, damit diese bei Nichterscheinen entsprechend durch die Agentur für Arbeit oder Jobcenter sanktioniert werden. Ein Hilferuf einer Branche, die so scheint es, durch die Bewerber oder besser durch die Ignoranz, Intelligenz und Scham vor Ausbeute der Bewerber in die Einöde geschickt wird.

Weiterhin stellt Einsiedler stellt fest, dass mehr als die Hälfte der Beschäftigungsverhältnisse in der Leiharbeit bereits nach weniger als drei Monaten enden.

So gelingt nach zwei Jahren nur 8 Prozent der Arbeitslosen ein Übergang in reguläre Beschäftigung (IAB 2009). Knapp 40 Prozent sind nach Ende der Leiharbeit erneut auf Hartz IV angewiesen. Wen wundert’s? Die Schlussfolgerung von Einsiedler, dass das Armutsrisiko hoch ist, überrascht ebenso nicht.

Kunden = Zahlen 

Bemerkenswert ist jedoch, dass Einsiedler feststellt, dass sich die Bundesagentur für Arbeit hauptsächlich für Zahlen interessiert. Nichts neues am Horizont. Und doch muss es mal wieder gesagt werden. Tägliche Begriffe wie Geschäftsmodelle, Produktlinien, Zielkunden, Vertriebsorientierung, Kundenbindung und Kundenausbau sind Schlagwörter, welche auf Zahlen ausgerichtet und nicht am Menschen orientiert sind. Die Verbindung stellt er im Verhältnis zu einem Unternehmen her. Und deutlich bringt er zum Ausdruck, dass die BA weder die Deutsche Bank, noch Porsche oder gar Aldi sei und somit kein Unternehmen. Seine Schlussfolgerung folgt prompt: „Wir sind nicht nur für den Markt da, wir sind auch und in erster Linie für die Menschen da, um (…) mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und um sie zu unterstützen (…).“ (Frank-Jürgen) Weise Worte – nicht jedoch durch den Chef der Bundesagentur für Arbeit.

Einsiedler hat Lösungswege parat. Und diese erstaunen umso mehr, dass er erkennt: „ (…) indem wir den Kontrolldruck erhöhen und Sanktionen erteilen, um eine schnelle Integration oder sonstige Abmeldung zu erzielen. Und wir können Aktivitäten auslösen, indem wir Sicherheit einlösen. Letztere ist die nachhaltige Strategie. Ihr muss der Vorrang gelten.“

Genau dieses war auch das Leitbild der Reformkommission des Jahres 2002. Geblieben ist „Fördern und Fordern.“

Lösungsansätze 

Orientierung geben, Erweiterung des Horizonts der Chancen, Förderung der Beschäftigungsfähigkeit sowie Stärkung der Zuversicht des Menschen in seine Fähigkeiten. Unterstützt durch kompetente und zugewandte Mitarbeiter in den Agenturen. Einfach gesagt: Die Mitarbeiter arbeiten ab sofort empathisch, menschlich und vor allem kompetent – im Sinne der Leistungsempfänger.

Nun prallen aber diverse Welten aufeinander. Einsiedler analysiert und stellt fest, dass die Mitarbeiter im eigentlichen Sinne nicht qualifiziert beraten und vermitteln. Und wer ist schuld? Die Geschäftsphilosophien als auch die Erfolgsorientierung, die gegensätzlicher nicht sein können. So wird die Tätigkeit der Arbeitsvermittlung durch das System geprägt. Besser noch: Festgenagelt. Ein System, welches rein die Zahlen wünscht. Und was kann man zählen? Zahlen! Menschliche Aussagen sind relativ bis hin zu abstrakten Gebilde. Nicht fass- und erfassbar und somit keine Statistik möglich.

Eine weitere Forderung ist die Zeit. Zeit und Raum für die Arbeitslosen, Arbeitssuchenden und Ratsuchenden. Eine Forderung, die er durchaus in Frage stellt, indem er fragt, ob diese Menschen tatsächlich bei den Agenturen anklopfen werden. Bisher klopft es eher nicht. So ist es nicht ungewöhnlich, das von den Eingeladenen gerade mal die Hälfte zum Termin erscheinen. Wo bleibt der Rest? Warum bleibt der Rest fern? Fragen über Fragen, die sich vielleicht damit erklären lassen das die derzeitige Beratung nicht unbedingt von Empathie geprägt ist. Angst, Desinteresse, Neutralität, Wut und Resignation herrschen – insbesondere bei den Leistungsempfänger in den Jobcentern – vor. Kann man es denen verübeln? Nein! Besteht ein Gespräch aus Androhungen von Sanktionen, Machtgefüge, Rigidität und Lustlosigkeit, verhindert dieses eine kompetente und menschliche Dienstleistung.

Die Nähe zum Arbeitgeber soll durch den Arbeitgeberservice (AGS) verstärkt werden. Vor allem der Blick auf die kleineren Betriebe wird im Fokus stehen. Nicht die Anzahl der Vermittlungsvorschläge wird die Präferenz sein, sondern die Nähe zum Unternehmen und den passenden Bewerbern. Bewerber, welche mehr Unterstützung benötigen, sollen entsprechend nach einem vorangegangen Profiling betreut werden. Nur wer den Bewerber kennt, kann ihn entsprechend den Arbeitgebern vermitteln.

Von Null auf Hundert

Ansätze, die durchaus diskutiert werden sollten, da sie wichtige Punkte darstellen. Das macht jedoch ein Umdenken im jetzigen System von Null auf Hundert nötig. Ist es doch einfacher nach Zahlen und nach Quoten zu arbeiten. Ein Mitdenken auf Seiten der Arbeitsvermittlung ist wie bei Malen nach Zahlen nicht unbedingt notwendig. Auch ist es einfacher einen Leistungsempfänger im System zu beenden, weil er die Unterlagen nicht beibringt. Nicht vermittelt, aber trotzdem einen Arbeitslosen in der Statistik weniger. Auch ist es einfacher vom System gesuchte Vermittlungsvorschläge in fünf Klicks an die Empfänger zu senden. Die Matching-Strategie des Systems macht es möglich.

Allerdings macht es mir Sorgen, wie dieses umgesetzt werden soll. Ein Umdenken bei rund 115 000 Tausend Mitarbeitern? Geleitet durch die vorgegebene elitäre Struktur der BA, der Regionaldirektionen und der Zentralen aller Jobcenter. Eine Spaltung des bisherigen Denkens, herunter gebrochen auf die Mitarbeiter? Wohl kaum möglich. Umdenken bedeutet Arbeit. Neues bedeutet Ängste. Altbewährtes heißt Sicherheit. Und wer will diese aufgeben?

Aber wie endet Einsiedler: „ (…) Dafür müssen wir eingefahrene Wege verlassen. Wir sind dabei.“

Quellen: Bundesagentur für Arbeit, IAB, Statistik Zeitarbeit (BA)



Kategorien:Arbeitsmarktpolitik

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