„Ihr Kinderlein kommet“ – Hamburg plant die erste Jugendberufsagentur

3,2,1 – mein Ausbildungsplatz. Alles unter einem Dach – unter diesem Motto wird Hamburg als erstes Bundesland flächendeckend im September 2012 zunächst zwei Jugendberufsagenturen (JBA) gründen. Die Agentur für Arbeit, das Jugendamt und das Jobcenter sollen dort gemeinsam Jugendliche unter 25 Jahren in Ausbildung vermitteln. Als Schnittstelle zwischen Schule und Beruf unterstützt die JBA junge Menschen unter 25 Jahren in allen Fragen rund um die Themen Berufswahl und -vorbereitung, Ausbildung sowie schulische Bildungswege. „Keiner darf verloren gehen“, betonte Arbeitssenator Detlef Scheele auf der Pressekonferenz vom 15.Mai 2012. Schulsenator Ties Rabe formulierte, dass alle Jugendlichen entweder das Abitur oder einen Berufsabschluss erwerben sollen. Und die Agentur für Arbeit, Geschäftsführer Sönke Fock, wünsche das Hamburger Schülerinnen und Schüler ihren Weg in eine Ausbildung oder in ein Studium gehen werde. Stimmen, die sich nur eines wünschen: Neue berufliche Perspektiven für junge Menschen. Im Fokus stehen dabei Schulabgänger/-innen ohne Schulabschluss oder mit einer geringen Berufsqualifikation. Derzeit sind rund 4900 Jugendliche bei der Agentur für Arbeit oder den Jobcentern arbeitssuchend gemeldet.

Alles prima. Wären da nicht die Arbeitgeber, die inzwischen für eine Ausbildung im Friseurhandwerk oder Verkauf mindestens einen sehr guten Realschulabschluss, wenn nicht sogar Abitur verlangen. Der aktuelle Ausbildungsmarkt in Hamburg gebe mehr Ausbildungsplätze als Bewerber her. Zusätzliche Maßnahmen seien nicht nötig. Fänden Jugendliche dennoch keine Lehrstelle, liege das zum Beispiel daran, dass sie einen Modeberuf wünschten, so Fock (Agentur für Arbeit). Rabe geht sogar noch einen Schritt weiter: „Alle Jugendlichen sollen entweder das Abitur oder einen Berufsabschluss erwerben“.

Fehlender Bezug zur realen Lebenswelt

Wo bleibt bei all dem durchaus positiv zu sehenden Vorhaben die Realität? Von den rund 4900 arbeitslos gemeldeten 15 bis 25-Jährigen sind rund 3000 im Bezug von Arbeitslosengeld II (Statistik Agentur für Arbeit – Hamburg). Und das ist Hartz IV. Intern erfasst sind jedoch nur die jung Erwachsenen, also ab 18 Jahren. Und viele haben keinen Schulabschluss oder einen Hauptschulabschluss, den keinen Arbeitgeber interessiert. „Im Einzelfall kommen auch noch persönliche Probleme hinzu, Wohnung, Schulden, Gesundheit“, so Friedhelm Siepe, Geschäftsführer der team.arbeit.hamburg (Jobcenter).

Jugendliche sind nicht nur ein Einzelfall

Haben über die Hälfte der jung Erwachsenen persönliche Probleme, ist das kein Einzelfall mehr. Es ist das Kumulativ einer Generation, welche bereits die zweite oder dritte Generation des Sozialhilfebezugs ist. Hier helfen keine theoretischen Gespräche oder Hausbesuche, um die jung Erwachsenen in die Jugendberufsagentur zu bekommen. Praktische Arbeit, um mit den Betroffenen Bewerbungen zu schreiben, Vorstellungsgespräche, Kommunikation und das persönliche Bewerben zu üben, sind Instrumente, welche eher Erfolg zeigen könnten. Dazu benötigt es jedoch fachlich ausgebildete Kompetenzen von Mitarbeitern und vor allem Zeit. Zeit, welche zumeist nicht vorhanden ist.

Fazit

Die Jugendberufsagentur kann mit Sicherheit als eine neue positive Institution für Schulabgänger mit Abitur oder einem sonstigem guten Schulabschluss gesehen werden. So schreibt die Stadt Hamburg, dass die JBA allen jungen Menschen unter 25 Jahren offen stehe, die sich unter einem Dach über mögliche Studien- und Berufsperspektiven informieren wollen. Einzelfälle mit Problemen, wie sie mehrheitlich in den Jobcentern zu finden sind, bleiben weiterhin verloren. Sie finden sich in Ein-Euro-Jobs oder dem wiederholten Bewerbungstraining bei den Bildungsträgern wieder. Und mal ehrlich: Will, muss und kann jeder jung Erwachsene das Abitur machen? Finden zumeist die Abiturienten nicht selbst ihren Weg – auch weil sie die Unterstützung von zu Hause erhalten? Und auch nicht jeder jung Erwachsene und Schulgänger schafft eine Ausbildung. Sie sollten jedoch die Chance erhalten, zumindest vom Arbeitgeber angehört zu werden – auch mit einer Vier in Mathematik.

Infos

Teilnehmer der JBA: Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (BASFI), Behörde für Schule und Berufsausbildung (BSB), Agentur für Arbeit Hamburg, team.arbeit.hamburg (Jobcenter)

Unterstützer: Unternehmensverband Nord (UV Nord)



Kategorien:Arbeitsmarktpolitik

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